Lebensgeschichten: Der Blick auf Besonderheiten

Frühmorgens. Noch ist alles still. Die Vögel zwitschern. Der blaue Himmel. Und die Sonne die versteckt zwischen Häusern empor klettert. An der Haltestelle zur Straßenbahn stehen jeden Morgen dieselben Menschen, manchmal schleicht sich ein unbekanntes Gesicht dazwischen. Doch meistens sind es jeden Tag dieselben und jeder von ihnen hat ein Leben und eine Geschichte…

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Die Straßenbahn fährt an, hält und lässt seine Fahrgäste in sein Innerstes treten, wie ein Tiger der seine Beute verschlingt. Dann setzt sie an und fährt schwebend über die Gleise, von Haltestelle zu Haltestelle, um weitere Gäste zu locken. So scheint es. Und während die Sonne ihre ersten Strahlen über den Dächern der Häuser blicken lässt, lassen die Gäste ihre Gesichter auf den Bildschirmen ihrer Smartphones kleben, kein Blick der dem rot orange der Wärme entgegen sieht und sich daran erfreut. Manch ein Gast liest ein Buch, während wiederum andere mit geschlossenen Augen dasitzen.

Wenn Kinder einsteigen wird es laut, jedoch nur wenn ihre ersten Stunden in der Schule ausfallen, ansonsten ist es still in der Bahn. Nur das Rauschen anderer vorbei fahrender Bahnen oder Autos zerbricht die Stille. Eine nette Beschäftigung ist es, sich die Menschen anzusehen die in die Straßenbahn steigen. Ein jeder anders, ein jeder besonders, einzigartig. Ein alter Mann mit Hörgerät, trägt einen goldenen Siegelring, dann eine Mutter mit bunter Strumpfhose, jung, an jeder Hand ein Kind, lächelt sie. Zwei junge Mädchen in engen Hosen und lachend blicken sie auf ihre Smartphones, reden über Jungs und die verpatzten Klausuren. Jungs, die Kopfhörer tragen und grimmig an ihren Hemden zupfen. Kleine Mädchen mit rosa Schulranzen. So viele Menschen, solch eine bunte Vielfalt.

Kurz vor dem Ausstieg steigen zwei Männer ein. Jung. Ihre Haare zu Recht gemacht, gekleidet in Lederjacke und Turnschuhe, die Haut versehen mit Tattoos. Sie fassen sich an den Händen. Alle sehen sie an. Beide sind glücklich, ihnen ist gleich, was alle denken, stehen ganz vorne und turteln. Die Blicke auf die Besonderheit gelenkt statt auf die aufgehende Sonne. Es ist nichts besonderes. Es ist einfach nur Liebe. Und niemand darf diese Liebe zerstören. Ein Wunsch. Eine Hoffnung.

Aussteigen. Die Allee aus Bäumen ruft. Die Straßenbahn fährt vorbei.

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2 thoughts on “Lebensgeschichten: Der Blick auf Besonderheiten”

  1. Ich muss auch manchmal mit der S-Bahn fahren und fand die Geschichte jetzt echt schön 😊 Hast du sie einfach mal so selbst geschrieben? Manchmal frage ich mich, was die Menschen so machen, die ich jeden Tag dort sehe und manchmal ist es mir auch egal 😅
    Du hast das toll geschrieben 😍

    Gefällt 1 Person

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